10. Oktober 2012 Christian Heep

Prima Materia

Editorial von Christian Heep, Vize-Präsident im Bundesverband eMobilität und Chefredakteur der NEUEN MOBILITÄT/ Ausgabe 09 / Oktober 2012

Eine prima Sache, könnte man meinen. Gemeint ist hier aber das entliehene, eher aristotelische Verständnis vom Substrat des Werdens. Die vielfältigen Möglichkeiten der intelligenten Nutzung innovativer, zukunftsweisender und nachhaltiger Technologie sind abhängig von dem Willen, diese Potenziale auch nutzen zu wollen. Der Titel soll hier sinnbildlich aufzeigen, dass wir tendenziell über einen fortschrittlichen Geist verfügen, diesen aber in metaphysischem Sinn um Fundament, Struktur, Prinzip und Perspektive erweitern müssen. Sinn und Zweck, der sich hinter den beiden Schlüsseltechnologien Erneuerbare Energie und Elektromobilität versteckt, muss von den relevanten Akteuren verstanden und insbesondere gewollt werden.

Es handelt sich bei den hier angesprochenen Technologien nicht um irgendeine neue Produkteinführung, sondern um einen Systemwechsel – ein relevantes Ereignis mit durchaus historischer und industriepolitischer Bedeutung. Der weitere Verlauf der Geschichte kann in einem besonderen Maß positiv für uns und nachfolgende Generationen beeinflusst werden. Die damit einhergehende Verantwortung sollte uns klar sein. Die Inklusion von Wertschöpfung auch.

In diesem Kontext ist es nicht zielführend, halbherzig oder mit verwirrenden Aussagen eine Entwicklung zu behindern, die grundsätzlich auf einem guten Weg ist. So hat erst jüngst die Presse beunruhigende Meldungen verkündet, nach denen man den Eindruck gewinnen konnte, die Ambition Elektromobilität würde an politschem Interesse verlieren. Dass dies auf dem NPE-Gipfeltreffen dann glücklicherweise relativiert, bzw. tatsächlich ganz anders präsentiert worden ist, ändert nichts an den Meldungen, die bereits das Meinungsbild vieler in der Bevölkerung erreicht haben. Zudem sind das strategische Kalkül, das dem genauen Beobachter die versteckten Hintertüren aufzeigt, und die politische Gleichgültigkeit, die man vermuten kann, nicht länger akzeptabel. Hier muss ein Wechsel zumindest in der Intention stattfinden. Idealerweise sollten ernsthafte Maßnahmen auch bereits vor der nächsten Wahl verbindlich eingeleitet und umgesetzt werden.

Politik, Industrie, Wirtschaft, Forschung und die beteiligten Branchenverbände sind in wechselseitigem Austausch und konkreter Initialisierung aufgefordert, bereits vorhandene Potenziale im Modus Chefsache anzugehen. Damit ist eine strukturierte Herangehensweise gemeint, die vordergründig die Zieldefinition fokussiert und sich mit einem Selbstverständnis auf den Weg macht, das glaubhaft erkennen lässt, dass man dieses Ziel auch zeitnah erreichen will:
Leitmarkt und Leitanbieter für eine emissionsarme Neue Mobilität auf Basis Erneuerbarer Energien. Damit sind wir in der Lage eine europäische Führungsrolle auf internationalsichtbarem Niveau zu erreichen. Mit diesem Engagement sind im übrigen keine weiteren Kongress-Schleifen und Symposien gemeint. Natürlich ist die Vermittlung neuer Erkenntnisse, weitere Forschung und ein branchenübergreifender Austausch enorm wichtig. Derzeit ist aber einerseits kein grosser Erkenntnisgewinn mehr zu verzeichnen und andererseits lassen einige der ewig gleichen Redner nicht vermuten, dass sie selbst von der notwendigen Überzeugung begleitet werden, die Grundvoraussetzung wäre, um den Stellenwert und die nachhaltige Perspektive für die Gemeinschaft zu erkennen. Das Problem liegt nicht in mangelndem Vertrauen in die Innovationskraft unserer Automobilindustrie oder einem möglichen Hemmnisverdacht im politischen Beziehungsgeflecht widersprüchlicher Industrieinteressen. Das Problem liegt größtenteils im Faktor Zeit.
Wir sollten anfangen in Betracht zu ziehen, dass die Zeitspanne, die uns bleibt, um unsere Rolle im globalen Marktumfeld zukünftiger Mobilität zu sichern, eine weitere Nullrunde mit dem Verlust von Wertschöpfung quittiert.

Ich bin es sprichwörtlich leid mir immer und immer wieder anhören zu müssen, warum, was, wieso gerade noch nicht geht, welche Hürden welche Maßnahme gerade verzögern, dass man noch Zeit bräuchte oder auch die sich wiederholende Aussage man wäre ja bereits mitten drin und müsse halt noch etwas Geduld haben. Ein dehnbarer Begriff.

Es müsste doch eigentlich schneller gehen mit der Energiewende und der eMobilität. Das sollte doch machbar sein. Ja. Ist es auch, aber nur, wenn das alle auch wirklich wollen.

In diesem Szenario würden die relevanten Player naturgemäß eine ganz andere Geschwindigkeit vorgeben und hätten mit Sicherheit, schon sogar bereits verkündete Maßnahmen wie das Problem mit der Dienstwagenbesteuerung, umgesetzt. Das wird derzeit aber immer noch beraten.

Die Legislative hat über ihre Möglichkeit der Gesetzgebung und der Schaffung von politischen Rahmenbedingungen eine Steuerungsfunktion. Sie hat gleichzeitig aber auch die Aufgabe sich auf ethische und moralische Werte zu verpflichten, die grundsätzlich dem Prinzip der Nachhaltigkeit folgen. Wenn wir das in der Mehrheit unserer Entscheidungen nicht schaffen, sehe ich auch weiterhin schwarz. Oder rot. Wie Sie wollen. Am Ende haben wir alle eine Wahl.

Es gilt zu begeistern, zu überzeugen, aufzuklären und über tradierte Verhaltensmuster erneut nachzudenken, um einen insgesamt nachhaltigeren Weg einschlagen zu können. Dies muss nicht zuletzt auch von Politik und Wirtschaft gewollt sein, sonst kann dieser Wechsel nicht gelingen.

Die globale Herausforderung einer emissionsarmen Neuen Mobilität muss in den nächsten Jahren maßgeblich auf den Weg gebracht werden und ich glaube fest daran, dass wir mit unserem Engagement einen Beitrag leisten können, um diesem gemeinsamen Ziel sauber, leise und nachhaltig entgegen zu fahren. Die lösungsorientierten und pragmatischen Aktivitäten unserer Mitgliedsunternehmen zeigen, dass wir eine realistische Chance auf eine weitere positive Entwicklung haben.

Christian Heep
christian.heep@bem-ev.de

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